Archiv für den Monat: November 2009

Bildungsgewerkschaften unterstützen europaweite Bildungsproteste

Höchste Zeit für eine Kehrtwende in der Bildungspolitik: Schülerinnen und Schüler, Studierende und Beschäftigte an Schulen und Hochschulen gemeinsam gegen die Bildungskatastrophe

Bildungsgewerkschaften unterstützen die europaweiten Protestaktionen

Es ist etwas faul in Europa. Schulen, Hochschulen und andere Bildungseinrichtungen sind chronisch unterfinanziert. Während über Nacht Milliarden Euro für die Rettung der Banken mobilisiert werden konnten, tun sich die Regierungen schwer, wenn es um die dringend  erforderlichen Zukunftsinvestitionen in die Bildung geht. Junge Menschen werden durch ungleiche Bildungschancen und fehlende Ausbildungs- und Studienplätze ihrer Zukunftschancen beraubt. Kinder
aus bildungsfernen und einkommensarmen Familien sind an den Hochschulen deutlich unterrepräsentiert. Der Bologna-Prozess hat ein besseres Studium und eine leichtere Mobilität versprochen, seine Umsetzung führt in vielen europäischen Staaten zu Verschlechterungen.

Schulen und Hochschulen werden Markt und Wettbewerb ausgesetzt und zu Bildungs-Unternehmen umstrukturiert. Die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen im Bildungsbereich werden mehr und mehr flexibilisiert, befristete Beschäftigungsverhältnisse sind im Vormarsch. Darunter leiden die Qualität der Bildung und die Attraktivität der anspruchsvollen Berufe in Bildung und Wissenschaft.

Damit muss endlich Schluss sein. Es ist höchste Zeit für eine Kehrtwende in der Bildungspolitik, die Bildungsarmut bekämpfen, Chancengleichheit herstellen und gute Bildung für alle gewährleisten muss!

Deshalb fordern Bildungsgewerkschaften in ganz Europa:

* eine deutliche Verbesserung der Finanzierung der Bildungseinrichtungen nicht trotz, sondern wegen der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise: Investitionen in die Bildungseinrichtungen und in die Zukunftschancen junger Menschen sind das beste Konjunkturprogramm;

* Chancengleichheit für alle jungen Menschen – durch eine gute Schule für alle, die die Auslese der Kinder stoppt und ihre individuelle Förderung gewährleistet, durch eine leistungsfähige Ausbildungsförderung für alle Studierenden sowie die Reduzierung aller Bildungsgebühren von der Kita bis zur Uni mit dem Ziel der Abschaffung;

* einen Kurswechsel bei der Umsetzung des Bologna-Prozess, der die soziale Dimension des europäischen Hochschulraums stärkt, die uneingeschränkte Durchlässigkeit beim Übergang vom Bachelor zum Master gewährleistet, die Mobilität von Studierenden und Hochschulbeschäftigten fördert und die Qualität von Lehre und Studium verbessert;

* Innovation durch Partizipation in Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen – durch einen Ausbau der Mitbestimmungsrechte von Beschäftigten sowie von Studierenden, Schülerinnen und Schülern;

* eine Verbesserung der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der an den Bildungseinrichtungen Beschäftigten – durch mit den Gewerkschaften ausgehandelte, sozial abgesicherte und angemessen vergütete Beschäftigungsverhältnisse.

Die Qualität der Bildung und die Qualität der Arbeit sind zwei Seiten einer Medaille! Es ist höchste Zeit für eine Protestbewegung, in der Studierende, Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Lehrkräften, Pädagoginnen und Pädagogen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und allen anderen im Bildungsbereich Beschäftigten an einem Strang ziehen, um den Forderungen nach einer Kehrtwende in der Bildungspolitik Nachdruck zu verleihen.

Gemeinsam gegen die Krise – für gute Bildung und gute Arbeit!

Solidaritätserklärung der Versammlung der Lehrenden und Studierenden der Romanistik Wien

Die österreichischen Hochschulen sind Entstehungs- und Vermittlungsorte
kultureller Bildung, die in der wissensbasierten Gesellschaft zunehmend an
Bedeutung gewinnen. Eine Hochschulbildung, die internationale Anerkennung
anstrebt, erfordert hohe finanzielle Aufwendungen, ist aber zugleich die beste
und krisensicherste Investition in die Zukunft unseres Landes. Im Rahmen des
Bologna-Prozesses haben wir ein Bachelor- und Mastercurriculum formuliert, das
sich an den Prinzipien der Studierendenmobilität und Berufsrelevanz orientiert.
Vor allem infolge der Unterfinanzierung ist eine zielgemäße Umsetzung dieser
Curricula bisher nicht möglich.Vor diesem Hintergrund und in Solidarität mit den Protesten der Studierenden
und Lehrenden anderer Studienrichtungen, die unter ähnlichen Bedingungen
leiden, fordern wir:
• Ein selbstbestimmtes Studium, das auf Partizipation, Dialog und Kreativität
beruht, und eine selbstbestimmte Forschung, die nicht von
marktwirtschaftlichen Interessen dominiert wird und, in der es Raum für
innovative, forschungsgeleitete Lehre gibt.
• Die Transparenz der universitären Entscheidungs- und
Organisationsstrukturen sowie die gleichberechtigte Mitbestimmung aller
Universitätsangehörigen.
• Die Entprekarisierung der Dienstverhältnisse für Lehrende, AbsolventInnen
und Studierende und das Angebot kontinuierlicher und adäquat bezahlter
Arbeitsverträge.
• Eine ausreichende Finanzierung und Budgettransparenz, die eine zielgerechte
Konzeption und Umsetzung der Studienpläne und angemessene
Rahmenbedingungen ermöglichen.
• Sowohl eine grundsätzliche Diskussion und Reflexion über Folgen und
mögliche Korrekturen des Bologna-Prozesses als auch eine Überarbeitung der
neuen Studienpläne.
• Verstärkte Maßnahmen gegen Diskriminierung aufgrund von Geschlecht,
sexueller Orientierung, Hautfarbe, Alter, Migrationshintergrund,
StaatsbürgerInnenschaft, verschiedenen Sprech- und Lernkulturen etc. an
allen Bildungseinrichtungen.
• Barrierefreies Studieren, Sicherstellung des Behindertengleichstellungsgesetzes.
• Mehr Räumlichkeiten für soziale Interaktion, auch institutsübergreifend.
• Die Konzeption durchschaubarer und leistungsfördernder Anmeldesysteme.
• Freien Bildungszugang.

Statement der Fakultät für Psychologie

Die Fakultät für Psychologie begrüßt und unterstützt die Eröffnung eines breiten bildungspolitischen Diskurses in der Öffentlichkeit, wie von verschiedenen Seiten in den letzten Wochen gefordert.

Im Speziellen hat die Bildungsdebatte auch die Rolle des Schulsystems und dessen Auswirkungen auf die Studiensituation an den Universitäten zu umfassen. Die Fakultät für Psychologie – Lehrende und Studierende – will ihren Beitrag zur Bildungsdiskussion und zur Optimierung von Bildung und Ausbildung leisten.

Für die Fakultätsleitung:

Germain Weber, Dekan

Solidaritätserklärung des Instituts für Afrikawissenschaften der Universität Wien

laut Umlaufbeschluss am 25.11.2009.

Das Institut für Afrikawissenschaften bedankt sich bei den protestierenden Studierenden dafür, dass sie die lang anstehenden Fragen der Finanzierung und Gestaltung der Universität Wien zu einer öffentlichen Debatte gemacht haben.

Wir unterstützen die Studierenden in ihrer Forderung nach einer wirksamen Erhöhung des Budgets für alle österreichischen Universitäten, um eine Ausfinanzierung der Universitäten den internationalen Standards entsprechend zu gewährleisten.

Wir sind für eine Demokratisierung der österreichischen Universitäten, die MitarbeiterInnen  und Studierenden ermöglicht, an der Entwicklung ihrer Studiengänge und Studienbedingungen entscheidend mitzuwirken. Wir unterstützen den Protest der Studierenden gegen die zunehmende Verschulung und gegen die unzumutbaren Studienbedingungen.

Wir unterstützen die Forderung, Lösungen für unzumutbare Arbeitsverhältnisse von LektorInnen und anderer prekarisierter Gruppen zu finden und verlangen eine generelle Lösung des Problems der prekären Arbeitsverhältnisse an den Universitäten, die nicht zu Lasten von Forschung und Lehre geht.

Wir fordern neue Formen der Nachwuchsförderung, lebbare Karrieremodelle sowie angemessene Entlohnung in allen Bereichen.

Wir bekennen uns zum Prinzip der Vielfalt der Lehre sowie der Einheit von Lehre und Forschung.

Solitaritätserklärung der ukrainische Studenten der Gewerkschaft „Priama Dija“

22. November, 2009

Liebe StudentenInnen und AktivistenInnen von UniBrennt !

Wir, die unabhängige Gewerkschaft „Priama Dija“ („Direkte Aktion“) aus Kiew, äußern unsere Solidarität mit Eurem Kampf für ein freies kostenloses Studium. Wir unterstützen völlig Eure Forderungen und wünschen Euch so schnell wie möglich zu siegen.

Am 17. November haben wir während des Internationalen Studententages eine theatralisierte Performance in Kiew durchgeführt. (http://www.syndikalismus.tk/ – auf Deutsch, http://intermedia.org.ua/ru/news/info/87908 Foto) Wir haben gegen das existierende System der Bildung, deren Probleme sich in der Ukraine und in Europa ähneln protestiert. Außerdem wollten wir Solidarität mit allen Universitäten von Europa demonstrieren und zeigen auch den Bedarf an Änderungen in unserem Land.

Genauso wie Ihr streben wir eine öffentliche, nichtkommerzielle und nicht autoritäre Bildung an, welche freie und kritisch denkende Individuen erzieht. Und damit streben wir an, eine neue gerechte Gesellschaft aufzubauen.

Solidarität aus Lateinamerika

Lateinamerika, 19. November 2009

Die untenstehenden unterzeichnenden Organisationen, alle Mitglieder des akademischen lateinamerikanischen Unterfangens, möchten mit diesem Dokument ihre bedingungslose Solidarität und Unterstützung gegenüber den sich gegenwärtig ereignenden sozialen Protesten und Mobilsierungen in Österreich ausdrücken, welche sich mit Entschlossenheit und als Vorbild gegen den Vormarsch des Neoliberalismus und die erneute Ausdehnung der Kolonialität des Wissens in Europa stellen. Dies zeigt, dass sich die Kämpfe für die Dekolonisierung und Emanzipation auf dem ganzen Globus ereignen.

Wir unterstützen nachdrücklich die folgenden Forderungen, welche die StundentInnenbewegung ausdrückt:

1) Bildung mit Qualität statt Ausbildung für kapitalistische Zwecke

2) Freier und universeller Universitätszugang

3) Demokratisierung der Universitäten

4) Komplette Ausfinanzierung der Universitäten durch den Staat

5) Erfüllung des Behindertengleichstellungsgesetzes in allen Universitäten

6) Beendigung der prekären Arbeitsverhältnisse in allen Universitäten

7) Frauenquote von 50% in allen universitären Bereichen

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8) Ende der Diskriminierung von „ausländischen“ StudentInnen in Österreich, also auch von  lateinamerikanischen Studierenden.

KollegInnen in Österreich und in aller Welt, der Kampf für die Errichtung einer Welt ohne Unterdrückte ist der von allen, Kraft und Beständigkeit in eurem Kampf. Wir grüßen euch brüderlich,

Colectivo de Pensamiento Decolonial (Kollektiv Dekoloniales Denken), Bolivien.

Centro Alternativo de Estudios Sociales Interculturales (Alternatives Zentrum der interkulturellen Sozialwissenschaften), Venezuela.

Centro de Estudios Latino/Americanos y del Caribe (Zentrum für lateinamerikanische Studien der Karibik), USA.

Centro de Investigaciones Sociales (Zentrum für Sozialforschung), Perú.

Centro Internacional de Investigaciones Decoloniales (Internationales Zentrum für dekoloniale Forschung), Venezuela.

Fondo Documental Afroandino (Afroandiner Dokumentationsfond), Ecuador.

Grupo de Estudios Sobre Colonialidad (Studiengruppe zur Kolonialität), Argentinien.

Laboratório Social “José Carlos Mariategui” (Soziallabor “José Carlos Mariategui), Brasilien.

Movimiento Juvenil Descolonial (Dekoloniale Jugendbewegung), Kolumbien.

Taller Intercultural (Interkulturelle Werkstatt), Ecuador.

Solidarische Grüße aus Köln und Herzlichen Dank!

DANKE

Liebe MitstreiterInnen in Wien,

wir, die BesetzerInnen der Uni Köln und der FH Köln, sagen „Danke“ für eure solidarischen Grüße.

Eure Aufnahmen von der Demonstration vor der deutschen Botschaft haben wir im Plenum über die Leinwand im besetzten Hörsaal ausgestrahlt. Standing Ovations für eure Anteilnahme an den Räumungen in Deutschland! Euer Engagement macht uns  unheimlich viel Mut und bestärkt uns in unserem weiteren Vorgehen für ein gerechteres Bildungssystem.

Wir freuen uns über die Ausweitungen der Proteste. Diese zeigt uns das Ausmaß der Unzufriedenheit der Betroffenen mit den derzeitigen Verhältnissen. Und deshalb dürfen wir nicht müde werden, uns für unsere Forderungen stark zu machen.

Gemeinsam können wir unsere Ziele erreichen!

Wir wünschen euch Kraft und Durchhaltevermögen und sprechen euch hiermit unsere solidarischen Grüße aus, denn BILDUNG IST EIN MENSCHENRECHT!

Die Kölner Streikenden

Solidaritätserklärung von Jean Ziegler

Liebe Genossinnen und Genossen,

Die Universität ist eine grossartige Anstalt. Sie ist eine Zivilisationserrungenschaft, ein Meilenstein in der Geschichte der Emanzipation der Menschen.

Geschaffen wurde sie von der radikalen Revolution von 1848. Heute ist sie eine einsame Insel, ein Freiraum im Dschungel des globalisierten Raubtierkapitalismus.

Sie ist die Waffenschmiede der kritischen Vernunft. Jean-Paul Sartre hat ihre Aufgabe beschrieben: “Den Feind erkennen, den Feind bekämpfen”.

Das selbstbestimmte Individuum, die kritische Vernunft sind ein Horror für die Oligarchen der Weltbeherrschenden Tyrannei des globaliserten Finanzkapitals. Konzerne hassen kritische Vernunft. Entfremdung und Funktionalisierung des Menschen, Profitmaximalisierung um jeden erdenklichen Preis sind ihre Vorhaben.

Deshalb wollen sie die Universität zu ihren Diensten umfunktionalisieren. Unter anderm und vorallem mit der von hörigen Bürokraten erzwungenen Bologna-Reform.

Das neoliberale Gift verwüstet die Universität. Es muss bekämpft werden. Die gegenwärtige Widerstands- und Aufbruchsbewegung der europäischen Studentinnen und Studenten tut das mit eindrücklichem Mut, analytischer Kompetenz und Energie.

Euch drücke ich meine Bewunderung und totale Solidarität aus.

Jean Ziegler

Solidaritätserklärung der Sozialwissenschaftlichen Fakultät

Erklärung der StudienprogrammleiterInnen der Sozialwissenschaftlichen Fakultät (Kultur- und Sozialanthropologie, Politikwissenschaft, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Soziologie)

Durch die Proteste der Studierenden ist in Österreich eine längst fällige Diskussion über eine grundlegende Reform der Universitäten und darüber hinaus über die Rolle von Bildung und Ausbildung in Gang gekommen. Es geht hier nicht nur um eine ausreichende Finanzierung der Hohen Schulen, sondern vor allem um eine Diskussion und Reflexion der Inhalte, der Studienarchitektur und um moderne demokratische Formen der Wissensvermittlung und Persönlichkeitsbildung. Die StudienprogrammleiterInnen der Sozialwissenschaftlichen Fakultät erachten es in dieser Situation für sehr wichtig, dass diese Fragen der Bildungsziele und der Bildungsorganisation auch in den Lehrveranstaltungen thematisiert und bearbeitet werden. Es wäre außerordentlich positiv für eine derartige breite Diskussion, wenn die in den Protestaktionen aktiv gewordenen Studierenden in Proseminaren, Seminaren und Vorlesungen ihre Erfahrungen und Vorstellungen weiterhin einbringen könnten und diese empirisch-praktischen Erkenntnisse einer positiven Beurteilung zuträglich wären. Jedenfalls empfehlen die StudienprogrammleiterInnen einen den besonderen Umständen angemessenen flexiblen Umgang der Lehrenden in Bezug auf Anwesenheits-, Leistungserbringung- und Prüfungsvoraussetzungen.

Damit würde auch den vielen engagierten Studierenden, die mit ihrem Protest-Impuls und ihren Initiativen entscheidend dazu beigetragen haben, dass die österreichische Gesellschaft und Politik die Zukunftsfrage einer neuen Gestaltung der Hochschulen nicht mehr länger aufschieben kann, geholfen werden, ihre Lehrveranstaltungen in diesem Semester erfolgreich abzuschließen. Die Form der Leistungserbringung durch das Einbringen von Referaten und schriftlichen Erfahrungsberichten müsste/sollte auf die jeweilige Lehrveranstaltung/Studienrichtung abgestimmt und setzt natürlich die Zustimmung der jeweiligen LehrveranstaltungsleiterInnen voraus.

Ao. Univ.Prof. Werner Zips (Kultur- und Sozialanthropologie)

Univ.Doz. Johann Dvorak (Politikwissenschaft)

Ass.Prof. Klaus Lojka (Publizistik- und Kommunikationswissenschaft)

Ao. Univ.Prof. Christoph Reinprecht (Soziologie)