Erklärung von administrativen und wissenschaftlichen MitarbeiterInnen am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien zu den aktuellen Protesten

Der Protest der Studierenden thematisiert hochschul- und gesellschaftspolitische Probleme, die auch aus unserer Perspektive dringend der Diskussion und Bearbeitung bedürfen:

• den Bologna-Prozess: Dieser setzte zwar an nicht zu leugnenden Missständen in der Organisation von Forschung und Lehre an. Statt sie jedoch zu beheben, hat er neue und gravierendere Probleme erzeugt, die seine eigenen Ziele konterkarieren. Dazu gehören die Verschulung des Studiums, die Einschränkung der Mobilität der Studierenden und die Einführung eines Studienabschlusses – des B.A. –, der oft weder für einen praktischen Beruf, noch für die Wissenschaft qualifiziert;

• die Vernachlässigung der Lehre: Gute Forschung ist uns ein zentrales Anliegen. Die Bemühungen, die Universität Wien als „Forschungsuniversität“ zu profilieren, dürfen aber nicht zu Lasten der Lehre gehen. Forschung und Lehre bedingen sich wechselseitig. Gute Forschung profitiert von den Anregungen, die die ForscherInnen in der Lehre erhalten;

• das Missverhältnis zwischen Budget und Studierendenzahlen: Die Situation an unserem Institut ist von überfüllten Seminaren, schwierigen Studien- und Betreuungsbedingungen sowie einer strukturellen Überlastung der Lehrenden geprägt. Dies ist ein Problem der finanziellen und personellen Ausstattung der Universität. Das gesteigerte Interesse an einem Studium der Politikwissenschaft seitens der Studierenden entspricht einem gesellschaftlichen Bedarf in Österreich, dem die Universität und Bildungspolitik Rechnung tragen sollten;

• die Verschulung des Studiums: „Bologna“ und die schlechte personelle Ausstattung vieler Institute bedingen, dass Vorlesungen und Klausuren zu Lasten von partizipativeren und eigenständigeren Lehrveranstaltungstypen und Prüfungsformen aufgewertet werden. Dadurch aber droht das Studium in einer Weise verschult zu werden, die der passiven Aneignung und Wiedergabe von Wissensbeständen eher zuträglich ist als dem für soziale Innovationen essentiellen Wecken von Neugierde und der Schulung des Urteilsvermögens;

• die Prekarisierung des akademischen Mittelbaus: Die Beschäftigungsbedingungen des akademischen Mittelbaus – der LektorInnen, Drittmittelbeschäftigten sowie der InhaberInnen von S1- und S2-Stellen – haben sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschlechtert. Daran ändert auch der kürzlich in Kraft getretene Kollektivvertrag nichts Wesentliches bzw. lässt er viele Entwicklungen offen. Im Bestreben, die Universität für so genannte internationale SpitzenforscherInnen attraktiver zu machen, werden die Leistungen jener Beschäftigten, die den Großteil von Forschung und Lehre gestalten, systematisch gering geschätzt;

• Verschlechterung der Situation des allgemeinen Personals: Arbeitsaufwand und Qualifikationsanforderungen sind auch im administrativen Bereich stetig im Steigen, was sich jedoch in keiner Weise in der Einstufung und der Entlohnung des allgemeinen Personals widerspiegelt. Der kürzlich in Kraft getretene Kollektivvertrag verschärft diese Situation und bietet zudem keinerlei Zukunftsperspektiven;

• Mit dem UG 2002 wurden nicht nur die Mitbestimmungsmöglichkeiten aller universitären Statusgruppen eingeschränkt, sondern auch die Transparenz von Entscheidungsprozessen erheblich beeinträchtigt. Wir halten dies für eine sehr bedenkliche Entwicklung, die der Rolle der Universität, auch ein Ort der Einübung demokratischer Handlungsweisen zu sein, abträglich ist.

Die Studierenden haben mit ihrem Protest einen Raum geschaffen, in dem diese Probleme diskutiert, Lösungen angedacht und Alternativen entwickelt werden können. Die hier unterzeichnenden MitarbeiterInnen des Instituts für Politikwissenschaft solidarisieren sich mit dem Protest. Wir fordern dazu auf, ihn als Anstoß für eine breite hochschul- und gesellschaftspolitische Debatte zu begreifen, in deren Rahmen der Stellenwert von Bildung und Wissenschaft in einem demokratischen Sinn neu definiert wird.

Im Einzelnen fordern wir,

• die Universität als Ort zu stärken, an dem systematisch über Gesellschaft nachgedacht werden kann, mit dem Ziel, demokratische Prozesse gesellschaftlicher Problembearbeitung zu unterstützen;

• die Universität selbst zu einem Ort praktizierter, auf die Gesellschaft ausstrahlender Demokratie zu machen, das heißt, die gleichberechtigte Beteiligung aller Studierenden sowie der administrativen und wissenschaftlichen Universitätsbeschäftigten am Zustandekommen der Entscheidungen, von denen sie betroffen sind, zu ermöglichen;

• die Universität finanziell und personell so auszustatten, dass sie allen Studierenden ein qualitativ hochwertiges Studium bieten kann;

• die Bedingungen für ein barrierefreies Studium zu schaffen, das ebenso der Ausbildung von berufsqualifizierenden Fähigkeiten dient, wie es wissenschaftliche Neugierde, die kritische Aneignung von Wissen und gesellschaftlich relevante, aber nicht auf unmittelbare ökonomische Verwertbarkeit reduzierte Bildung ermöglicht;

• die Universität zu einem Ort für gute, Existenz sichernde Beschäftigungsverhältnisse zu machen – sowohl für WissenschaftlerInnen als auch für Nicht-WissenschaftlerInnen.

Wir wollen selbst – und gemeinsam mit den Studierenden – an der Realisierung dieser Forderungen mitwirken, sei es durch die ständige kritische Reflexion der Inhalte und Formen unserer Lehrveranstaltungen, sei es durch unser hochschulpolitisches Engagement.

Die Unterzeichnenden

Gabriele Anderl

Ilker Ataç

Brigitte Bargetz

Petra Bernhardt

Ulrich Brand

Claudia Brunner

Christoph Clar

Manuela Egger

Tamara Ehs

Matthias Falter

Manuela Grabner

Nora Gresch

Andreas Gruenewald

Gudrun Hauer

Stephan Hofer

Michaela Kathan

Helmut Kramer

Eva Kreisky

Helmut Krieger

Karin Liebhart

Marion Löffler

Isabell Lorey

Gundula Ludwig

Josef Melchior

Sarah Meyer

Eva Kristina Miklautz

Ursula Naue

Eva Nussbaumer

Tina Olteanu

Christina Plank

Walter Pospichal

Jan Pospisil

Hans Pühretmayer

Jakob Rosenberg

Birgit Sauer

Thomas Schmidinger

Stefan Schreier

Veronika Schwediauer

Dieter Segert

Nicola Sekler

Hubert Sickinger

Georg Spitaler

Gernot Stimmer

Gerd Valchars

Bernhard Weidinger

Martin Weidinger

Angela Wieser

Markus Wissen

Stefanie Wöhl

Katharina Zahradnik

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